Missionieren auf dem Tanzsaal – ein Blick in die 1970er Jahre
24. März. 2026 / Lernen & Studieren
Friedensau, das von allen Seiten von Wald umgeben ist, erwies sich in der Vergangenheit oft als ein Ort der Abgeschiedenheit von all dem, was in der pulsierenden Gesellschaft „da draußen“ geschah. Und doch machten sich die Entwicklungen in der Gesellschaft – wenn auch mit einer Zeitverzögerung – bemerkbar. Der nachfolgende Bericht gibt einen spannenden Einblick in die frühen 1970er Jahre. Auf religiösem Gebiet war es vor allem die „Jesus-People-Bewegung“, die einen nicht geringen Einfluss auf junge Leute, auch in der ehemaligen DDR, ausübte und selbst vor Friedensau nicht Halt machte.
Neuer Schulleiter in Friedensau
Der äußere Rahmen schien günstig, zumal 1968 mit Felix Schönfeld ein neuer, dynamischer Schulleiter nach Friedensau gerufen worden war, der Dr. Siegfried Lüpke ablöste. Dieser verkörperte die „alte Schule“, hatte bereits während der Weimarer Republik als Lehrer in Friedensau sein Spuren hinterlassen und war 1954 zum Schulleiter berufen worden. Vierzehn Jahre später war es Zeit für Veränderungen.
In dieser Spannung auf der Suche nach neuen Wegen und gleichzeitig der Bewahrung des Alten, vor allem im Blick auf das Internatsleben, ist der folgende Bericht unseres Alumnus Hartmut Schütze zu verstehen, der die Leser in die frühen 1970er Jahre hineinnimmt:
Als junger Mann auf dem Predigerseminar in Friedensau
„12 Monate Predigerseminar liegen im Sommer 1971 hinter mir. Ich gleiche einer Pflanze, deren Wurzeln in der Staunässe des Blumentopfes ertrinken. Jeden Tag erfolgt das Gießen. Der Abfluss fehlt. Das schadet der Pflanze. Und dabei warten nur 13 Kilometer entfernt von unserer frommen Welt in der Kreisstadt Burg Jugendliche auf Alternativen zu den ihnen von einem atheistischen Staat gelehrten Sinn- und Lebensfragen.
An einem Freitagnachmittag lese ich auf einem Plakat von Tanzveranstaltungen jeden Samstagabend im Jugendklubhaus in Burg. Und plötzlich weiß ich, das ist es. Jesus schenkt mir die Gewissheit – geh‘ dort hin und sprich mit den Jugendlichen über mich. Ich suche Mitstreiter unter den Bibelschülern und finde sie in Andreas und Jörg. Mit unseren Fahrrädern fahren wir im Herbst 1972 spätabends nach Burg. Heimlich, denn die Hausordnung schreibt ab 22 Uhr strenge Nachtruhe vor und wird von einem Lehrer kontrolliert, den wir scherzhaft Bruder „Lichtaus“ nennen.
Mit dem Rad durch den Wald nach Burg
Nach einer Gebetsgemeinschaft und der Bitte um Führung durch den Heiligen Geist setzen wir uns auf unsere Fahrräder und fahren die 14 km durch den Wald nach Burg. Etwa 45 Minuten später stellen wir unsere Fahrräder in der Nähe des Jugendklubhauses ab. Wir zahlen den Eintritt von 2 oder 3 Mark der DDR. Vorbei an den Türstehern gelangen wir ins Innere des Hauses. Zigarettenqualm wird von laut dröhnenden Beats durchschnitten, die uns den Weg zum Treppenhaus in den 1. Stock zeigen. Jede Stufe ist mit Jugendlichen gefüllt. Zigaretten im Mundwinkel und Bierflaschen in der Hand stehen sie da. Sie versuchen lautstark gegen die Musik anzuschreien. An Unterhaltung ist da nicht zu denken. Wir bahnen uns den Weg zum Saal im Obergeschoß. Lange Biertische stehen an den Wänden rings um die Tanzfläche. Darauf Bierflaschen und mit Kippen gefüllte Aschenbecher.
Stilles Gebet am Anfang
„Jesus, wie sollen wir uns in dem übervollen Saal mitteilen können? Zeige mir Jugendliche, die ich ansprechen kann!“ – so bete ich leise. Und stehe plötzlich vor einem Typen mit langem, bis auf die Schultern wallendem lockigem Haar. Dazu Vollbart, zerschlissene braune Lederjacke und Jeans. Alles andere als das Bild eines typischen DDR-Jugendlichen. Plötzlich höre ich eine leise Stimme in meinem Inneren: Erzähle ihm von mir. Frage, ob er mich kennt, oder auch, ob er schon mal von der Jesus-People-Bewegung gehört hat.
Der Einstieg klappt. Der Typ reagiert locker. Er will mehr von Jesus hören. Kurze Zeit später bringt er noch einige Typen mit in den Durchgang zwischen Treppenhaus und Tanzsaal. Ich erzähle von mir, von meinem Studium am Predigerseminar und dass ich mit weiteren Studenten hier bin, um jungen Leuten von Jesus zu erzählen und mit ihnen die Bibel zu lesen. Wir verabreden uns wieder auf nächsten Samstagabend.
Eine Woche später ...
In der kommenden Woche stehen wir wieder am Rande des Saales und reden über Jesus. Wolfgang ist auch dabei. Er hat ein paar Freunde mitgebracht. Schon haben wir einen Einstieg und lesen im ersten Kapitel des Johannesevangeliums. Das erinnert auch an eine Missionsmethode in der Jesus-People-Bewegung, die nach dem Song „Two Hands“ funktioniert: „Benutze deine eigenen zwei Hände. Mit der einen fasse nach Jesus, mit der anderen bringe einen Freund mit!“
Durch ihren Dienst verändert sich das Verhalten junger Leute
Am Abend werden wir kurz vorm Verlassen des Hauses vom Veranstalter angesprochen. Er will wissen, worüber wir mit den Leuten reden. Er sagt, dass es jede Woche Schlägereien zwischen den Jugendlichen auf dem Saal gibt. Immer müsse er die Polizei zur Schlichtung rufen. Doch jetzt hat er die zweite Woche keinen Streit, keine Schlägereien und keine Polizei. Er führt es auf unsere Gegenwart und Gespräche zurück. Wir erzählen, wer wir sind. Wir unterhalten uns mit den Leuten über Jesus und unseren christlichen Glauben. Eine Weile schaut er uns nachdenklich an. Plötzlich schlägt er uns einen Deal vor. Wir können weiter auf dem Saal über Jesus reden, wenn wir für ihn den Ordnungsdienst übernehmen. Wir bekommen freien Eintritt, eine Ordnerbinde um den Oberarm und einen kleinen Geldbetrag für unseren Dienst.
Wir gehen darauf ein. Unsere Gesprächsrunden mit den Jugendlichen werden größer und intensiver. Bald sitzen wir an den großen Biertischen, lesen miteinander in der Bibel und erzählen sehr persönlich von Jesus. Ein Mädchen will Jesus testen, ob er sie vom Rauchen frei machen kann. Wir beten miteinander für ihr Anliegen. Die folgende Woche sagt sie, dass unser Jesus wirklich hilft. Wir merken, dass wir für vertiefende Gespräche in unserer Runde eine andere Möglichkeit brauchen.
Wie kann die Verbindung zur örtlichen Adventgemeinde gelingen?
Wir nehmen Kontakt zur örtlichen Adventgemeinde auf. Wir erzählen von unseren Erlebnissen im Jugendklubhaus von Burg und fragen, ob wir uns zu Bibelstunden in den Gemeinderäumen treffen können. Das versetzt die Gemeinde in Staunen. Wir erfahren, dass die Gemeinde nur aus ein paar älteren Mitgliedern besteht. Aber sie haben Helmut Saß, einem Jugendprediger der STA, zu einer Jugendevangelisation eingeladen. Er hat zugesagt. Seitdem beten sie, dass Gott ihnen Jugendliche in die Gemeinde bringt. Denn sie wissen nicht, wie und wo sie die Jugend einladen können, aber Gott kann es tun. Das glauben sie. Und jetzt kommen wir mit unseren Jugendlichen und bitten um Einlass. Gemeinsam staunen wir über Gottes Größe und sein Wunderwirken und danken ihm dafür.“
Hartmut Schütze studierte von 1970 bis 1974 Theologie in Friedensau und lebt gemeinsam mit seiner Frau Petra in Tettnang
Nachsatz der Redaktion: Dieser Bericht wurde gekürzt. Er wirft einen Blick auf einen Teil der missionarischen Aktivitäten in der ehemaligen DDR in den 1970er Jahren. Wie hast du, habt ihr die Missionsarbeit in heutigen oder früheren Jahren in eurer Gemeinde erlebt? Welche Erfahrungen möchtet ihr weitergeben? Wenn ihr mögt, schreibt uns. Die Redaktion von „Unser Friedensau“ ist auf eure Berichte gespannt: .
Dr. Johannes Hartlapp

Foto: Historisches Archiv der STA in Europa