Berühmte Friedensauer Akademiker und Forscherpersönlichkeiten: Karl Rose (1896–1976)
24. Mar. 2026 / Science & Research
Wer war Karl Rose? – Eine schwierige Frage, die sich vielleicht als Quizfrage für Kenner der europäischen Adventgeschichte eignen würde. Während Rose in adventistischen Kreisen vergessen zu sein scheint, ist sein Ruf als Spiritus rector der Berliner Ostkirchenkunde in der akademischen Welt bis heute lebendig. Das hat auch seinen Grund. Rose – der unbekannte Bekannte, der Vergessene und doch Bedeutende, der seine adventistische Herkunft verbarg, um in einer anderen Kirche Akzeptanz und Anerkennung zu finden. Seine Lebensgeschichte fordert uns heute noch heraus. In dieser und den nächsten Ausgaben von „Unser Friedensau“ wollen wir Friedensauer Absolventen vorstellen, die aufgrund ihrer späteren wissenschaftlichen Leistungen weit über die Grenzen der Adventgemeinde hinaus Bedeutung erlang haben.
Wo ist Karl Rose zu verorten?
Karl Rose stammte aus Lettland. 1909 schloss sich die deutschstämmige Familie den Siebenten-Tags-Adventisten an. Die Bibelfestigkeit und der evangelistische Eifer der Adventisten vor dem Hintergrund der von ihnen erwarteten baldigen Wiederkunft Christi begeisterten den jungen Rose. 1912 sandte ihn die Freikirchenleitung in Riga nach Hamburg. Rose sollte im aufstrebenden adventistischen Verlagshaus („Internationale Traktatgesellschaft“) den Beruf des Schriftsetzers erlernen. Dort kam er auch mit zahlreichen Predigerpersönlichkeiten in Berührung, die seinen Glaubensweg prägten. Im Anschluss besuchte Rose das Missionsseminar in Friedensau (1914–1916), wo seine herausragenden schulischen Leistungen die Lehrer beeindruckten. 1917 nahm er die Arbeit als Prediger in Leipzig und Dresden auf. Heirat und Geburt der Tochter fielen in diese Zeit. 1922 kehrte Rose nach Lettland zurück, wo er seinen Dienst als Prediger fortsetzte. Die Freikirchenleitung erkannte bald die vielseitige Begabung des jungen Predigers und gewährte ihm 1924 ein „Sabbatjahr“ – für die damalige Zeit eine besondere Auszeichnung. Dieses Jahr verbrachte er am Newbold College in England, um nicht nur Englisch, sondern auch die biblischen Originalsprachen Hebräisch und Griechisch zu erlernen.
Nach dem Newbold College an die Universität in Riga
Nach seiner Rückkehr begann er neben seiner pastoralen Tätigkeit ein Theologiestudium an der Universität in Riga, das er mit dem Lizenziat abschloss. Die Übernahme einer bibelkritischen Hermeneutik – historisch-kritische Methode –, die an der evangelisch-theologischen Fakultät gelehrt wurde, scheint seinen adventistischen Glauben beeinflusst zu haben. Doch die Gemeinden merkten kaum etwas von seinen inneren Zweifeln. 1929 wurde Karl Rose zum Hauptbibellehrer und Schulleiter des adventistischen Seminars in Suschenhof (Suži) bei Riga bestellt. Sein Dienst und seine Kenntnisse wurden hochgeschätzt, doch kam es 1937 zum Bruch mit der Freikirche. Die genauen Gründe, die zu seinem Austritt führten, sind heute nicht mehr greifbar. Für die lettischen Adventisten stellte sein Rückzug einen großen Verlust dar. Die evangelische Kirche, an die sich Rose wandte, nahm ihn mit offenen Armen auf, bot sie ihm doch mehr Möglichkeiten der beruflichen Entfaltung als die kleine Freikirche je dazu im Stande gewesen wäre.
Zu akademischen Höhen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland (DDR)
Nach der Flucht Roses nach Deutschland bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann er langsam die kirchliche und akademische Karriereleiter zu erklimmen. Niemand in Deutschland wusste von seiner adventistischen Vergangenheit in Lettland, die er bewusst verbarg. Zunächst wirkte er als Referent der damaligen Berliner Kirchenkanzlei. Nach Ende des Krieges setzte ihn Bischof Otto Dibelius als Verbindungsmann zur Sowjetischen Militäradministration in Karlshorst ein. Rose galt als ausgewiesener Kenner der russischen Geschichte und Orthodoxie und beherrschte Russisch auf muttersprachlichem Niveau. Seine diplomatischen Verbindungen in die Sowjetunion, die er auch für verfolgte russlanddeutsche Lutheraner einsetzte, offenbaren seine Rolle als „Ökumeniker“ und Brückenbauer. 1952 erhielt Karl Rose einen Lehrauftrag für Ostkirchenkunde an der Berliner Humboldt-Universität. Drei Jahre später wurde er im Beisein des stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR Otto Nuschke zum Leiter des neu gegründeten „Instituts für Ost- und Südslawische Religions- und Kirchenkunde“ ernannt. 1958 wurde Rose dann ohne Promotion (!) zum Professor berufen. Erst nach seiner Emeritierung (1961) verlieh ihm die Humboldt-Universität anlässlich seines 70. Geburtstages (1966) die theologische Ehrendoktorwürde. Rose wurde in akademischen Kreisen bekannt und berühmt für sein Opus magnum: „Grund und Quellort des russischen Geisteslebens. Von Skythien bis zur Kiewer Rus“ (1956). In diesem tiefsinnigen Werk untersucht er die Genese des frührussischen Geschichtsbewusstseins, das zur Bildung der russischen Nation führte.
Was bleibt?
Karl Rose war Adventist, Friedensauer Absolvent, Lutheraner, Ökumeniker und Professor für Ostkirchenkunde – eine vielseitige, komplexe Lebensgeschichte. Die Theologische Hochschule Friedensau würdigt im Rückblick seine akademischen Meriten. Persönliche Glaubensentscheidungen hingegen entziehen sich der akademischen Bewertung und bleiben eine Entscheidung des Gewissens, die respektiert werden muss. Ein offenes Bekenntnis erleichtert jedoch das gemeinsame christliche Zeugnis.
Daniel Heinz, Ph.D.
Von 1997 bis 2023 Leiter des Historischen Archivs der STA in Europa in Friedensau
Literatur: Daniel Heinz (Autor), Karl Rose: Konfessionelle Vielfalt erleben, erleiden, ergründen. Wege zur Verständigung zwischen Protestantismus und Orthodoxie, in: Perspektiven der Ostkirchenkunde II, hrsg. von Martin Illert und Andriy Mykhaleyko, Paderborn 2026, S. 13–24.
Foto: Historisches Archiv der STA in Europa

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