Das stille Werk der Friedensauer Schwestern
24. März. 2026 / Wissenschaft & Forschung
Den diakonischen Dienst adventistischer Frauen streift heute selten das Rampenlicht. Kein überraschender Befund, da die Organisation der Sozialfürsorge weitestgehend als staatlich monopolisierte Aufgabe betrachtet wird. Rückblickend bildete jedoch die Wohlfahrt innerhalb der deutschen Adventbewegung insbesondere in den 1920er und 1930er Jahren ein identitätsstiftendes Merkmal. Trotz lebendiger Naherwartung der Wiederkunft Jesu, tröstet man sich nicht fatalistisch über die menschlichen Tragödien in dieser herausfordernden Zwischenkriegszeit mit Verweis auf die baldige Erlösung hinweg, sondern nahm aktiv den Dienst am Mitmenschen auf. Ich möchte den kurzen Lebensbericht meiner Großmutter Magdalene nutzen, um exemplarisch die Strukturen adventistischer Wohlfahrtspflege zu beleuchten.
Zunächst Krankenschwester in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge
Im Jahr 1916 kam meine Großmutter Magdalene Schwital (Jg. 1901) in die Danziger Adventgemeinde. Sie absolvierte eine Lehre zur Krankenschwester am Virchow-Krankenhaus Berlin, heiratete 1926 Erich Tulaszewski (seit 1925 als Buchhalter und Kassenverwalter bei der Gemeinschaft in Berlin angestellt) und gab damit ihre Stellung als Gemeindebeamtin der Stadt Berlin auf. Im Rahmen der Neuorganisation des Advent-Wohlfahrtswerkes (AWW) Anfang 1928 forderte sie Bruder Heinrich Franz Schuberth (u.a. Mitteleuropäischer Divisionsvorsteher 1928–1933) auf, in Berlin-Wilmersdorf den Bereich der Sozialfürsorge speziell für Schwangere und junge Mütter (‚Mutter und Kind‘) aufzubauen. Diese „fruchtbare“ Arbeit brach jedoch im gleichen Jahr durch die Versetzung ihres Mannes zunächst nach Görlitz, Ende 1928 nach Breslau ab. In Breslau knüpfte sie an die Strukturen der örtlichen Tabea-Vereine[1] an und gründete 28 Gruppen, die alle an die örtlichen Wohlfahrts- und Fürsorgeämter (sprich staatlich) angeschlossen waren. Sie selbst wurde gemeinsam mit Oberschwester Catharina Thiemsen – sie gehörte der Friedensauer Schwesternschaft an, die ein eigenes Haus in Breslau unterhielten – im Juli 1933 vom Breslauer Magistrat zur Wohlfahrtspflegerin ernannt.
Der Einfluss von Schwester Hulda Jost
Der wesentliche Einfluss von Schwester Hulda Jost auf diese tatkräftigen Jahre, sollte – bei all ihrer Umstrittenheit in der NS-Zeit – nicht unerwähnt bleiben. Ideologische Scheuklappen spielten innerhalb der Arbeit keine nennenswerte Rolle. Im Gegenteil. Magdalene hebt die „freundschaftlichen Beziehungen“ zum polnischen Werk hervor. Nicht ganz unerwartet, denn ihr Schwager Wilhelm Czembor (verheiratet mit ihrer Schwester Ruth) arbeitete als Prediger der polnischen Gemeinden und fungierte von 1936 bis 1945 als Vorsteher/Präsident der Adventisten in Polen. Ende 1935 wurde das Ehepaar Tulaszewski erneut versetzt.
Als Betreuerin bei den Olympischen Spielen in Berlin
Der Weg führte nun nach Königsberg. Hier versuchte Magdalene ebenfalls unter dem Dach des V. (Fünften) Wohlfahrtsverbands gemeinsam mit Schwester Glass Strukturen aufzubauen. Für die Olympischen Spiele 1936 kehrte sie kurzzeitig als Betreuerin der französischen Fechterinnen nach Berlin zurück. Der Gleichschaltungsdruck auf die Wohlfahrtsverbände war aber ab 1937/38 so groß geworden, dass die offizielle Arbeit endete und man sich nur noch auf Hilfestellung innerhalb der Gemeinde und den Freundeskreis beschränkte (mit fortgeschrittenen Kriegsjahren unter anderem Hilfe für Flüchtlinge, Bombengeschädigte). Magdalene selbst war seit Beginn des Krieges im Sanitätsdienst tätig.
Ihre Flucht aus Königsberg 1945 – und vorsichtiger Neubeginn
Die Begleitung eines Verwundetentransports im März 1945 ermöglichte ihr und ihren beiden jüngsten Kindern Ursula und Eckehard die Flucht über die Ostsee nach Dänemark. Dort fanden sie Aufnahme bei Verwandten in Aarhus. Wiederum spielten familiäre Bande eine Rolle. Ihr Schwager Karl Friedrich Tulaszewski (1922 von Friedensau als Missionar u.a. nach Ungarn, Persien, Brasilien, Argentinien ausgesandt), war mit der Dänin Marie Simonsen verheiratet, deren Familie ihr und den Kindern Unterschlupf für die nächsten anderthalb Jahre bot. So blieb ihnen zunächst ein Internierungslager erspart, und Magdalene begann sich am Vereinigungssitz von Aarhus im sogenannten Dorcas-Werk[2] zu engagieren. Im Dezember 1946 wurden sie laut Verordnung vorübergehend ins Flüchtlingslager Oksbøl eingewiesen und im Juni 1947 in die französische Besatzungszone nach Frankfurt am Main übergesiedelt. Dort erhielt sie sofort eine Anstellung als Vereinigungsschwester in der Mittelrheinischen Vereinigung und war – nach Freigabe der Marienhöhe durch die US-amerikanischen Behörden – als sogenannte Präzeptorin (bzw. Lehrerin) vorgesehen. Ihr Mann Erich hatte währenddessen eine Anstellung in der Märkischen Vereinigung in Cottbus erhalten. Auf Bitte von Bruder Budnick trafen sie die „schwerwiegende“ Entscheidung, sich 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone niederzulassen.
Fürsorge und Hingabe – ein Lebensmotto
Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen konnte eine Arbeit im Rahmen der Gemeinschaft hier nicht umgesetzt werden. Magdalene arbeitete im DRK und der Volkssolidarität mit. Ihre Schwerpunkte in den nächsten Jahren waren die Begleitung von Kinderkrankentransporten und die Betreuung von Strafgefangenen. Sie starb im Jahr 1983 in Cottbus und ist auf dem Friedhof in Friedensau beigesetzt.
Martin Tulaszewski, Religionswissenschaftler M.A., arbeitet als Rückkehrberater bei der Ausländerbehörde des Landratsamtes Nordsachsen
[1] Tabea oder Tabita-Vereine: Im deutschsprachigen Raum um 1900 als Tabea-Vereine oder -Gruppen gegründet; man berief sich im Namen auf die Tabea von Joppe, die in Apg 9,36–42 als mildtätige Jüngerin geschildert wird. Im polnischen Verband der 1930er Jahre gab es Tabita-Vereine.
[2] Dorca-Werk: 1874 in Battle-Creek von Frauen zur Unterstützung von Gemeindegliedern gegründet; Dorca als griechische Übersetzung des aramäischen Namen Tabita; Ausweitung des Arbeitsfeldes auch auf allgemeine caritative Zwecke außerhalb der Adventgemeinde; wohl eine Vorläuferorganisation des heutigen ACS (Adventist Community Services) in den USA und möglicherweise auch ADRA (Adventist Development and Relief Agency) als Entwicklungshilfeorganisation außerhalb der USA.
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