„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“
24. März. 2026 / Wissenschaft & Forschung
Wunderbare jüdische Klezmermusik erklang aus den Lautsprechern der altehrwürdigen Aula der Theologischen Hochschule. Sie lud zum Träumen ein, ließ den Fuß mitwippen, und regte eigentlich zum Tanzen an. So eröffnete der leitende Oberarzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Oberhavel Kliniken Henningsdorf Dr. med. Vsevolod Silov am 14. Januar 2026 seinen öffentlichen Fachvortrag über „Ein Menschenbild im Judentum und bei Martin Buber“.
Fängt man so einen Fachvortrag an? Ja, wenn es um Judentum und um Martin Buber geht, ganz sicher. Bei dem Thema geht es nämlich um weit mehr, als eine intellektuelle Informationsvermittlung. Ganz gemäß dem Buber’schen Grundsatz: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ gilt es, miteinander in Kontakt zu kommen, etwas im Miteinander zum Schwingen zu bringen, selbst wenn nicht alles bis ins Letzte kognitiv durchdrungen würde. Das war schon mal gelungen. Ansonsten verzichtete der Vortrag auf die sonst üblich gewordenen Medien wie Powerpoint-Präsentation, Videoclips oder auch Skripte. Das gesprochene Wort, die Begegnung miteinander standen im Mittelpunkt.
Dr. Silov war eingeladen worden, weil im Rahmen des Masterstudiums in Counseling (Beratung) auch eine Lehrveranstaltung über das jüdisch-christliche Menschenbild vorgesehen ist. Mein Menschenbild, meine Anthropologie ist für beraterische und therapeutische Prozesse entscheidend. Es macht einen Unterschied, ob ich den Menschen z.B. als eine biochemische Maschine verstehe oder als durch Gottes Atem (hebr.: ruach) lebendig werdendes Wesen (hebr.: nephesh). Es macht einen Unterschied, ob ich den Menschen als in sich geschlossenes System auffasse oder ein auf Beziehung angelegtes Wesen.
In seinem Vortrag führte uns Silov in die den meisten der Zuhörer eher fremde Denk- und Erlebenswelt des jüdischen Chassidismus ein – einer im osteuropäischen Raum entstandenen Form der jüdischen Mystik, die auch Buber immer wieder faszinierte und erforschte. Dabei wurden auch verschiedene hebräische Begriffe für „Mensch“ erläutert, die jeweils ganz eigene Akzente für ein Menschenbild setzen. Eine erhellende Vielfalt, die uns an Grenzen der Ratio führt.
Dann lenkte Silov unsere Aufmerksamkeit auf Martin Buber, der eben nicht nur bekannter Religionsphilosoph, sondern im Grunde ein Universalgelehrter des frühen 20. Jahrhunderts war. Insbesondere die Psychotherapie hat er mit zahlreichen Impulsen enorm bereichert, was ihn auch für die Felder der Seelsorge und der Beratung interessant macht. Silov selbst hat dazu promoviert und zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge hervorgebracht.
Das Interesse an Buber sprang auf das überschaubare, aber sehr aufmerksame Publikum über, wie sich in der anschließenden Fragerunde und Diskussion zeigte. Selbst da, wo nicht alles bis ins Letzte kognitiv durchdrungen wurde, so war es doch Begegnung und wirkliches Leben. Eine Bereicherung für die anwesenden Studierenden, Lehrenden und Gäste.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“
Das ist vielleicht der bekannteste Satz des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965). In seinem Ansatz einer dialogischen Philosophie formulierte er auch „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Wir brauchen einander, wachsen und reifen aneinander, werden erst zu Menschen durch die Begegnung mit einem Gegenüber. Schon in der Schöpfungsgeschichte findet sich dieser Ansatz begründet: „Lasset uns Menschen machen ...“ (Genesis 1,26ff), aber auch: „Und der Mensch gab Namen allem Vieh und den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber für Adam fand er keine Hilfe, ihm entsprechend“ (Genesis 2,20).
Buber & Rosenzweig
Ebenfalls bekannt und sehr lesenswert ist die Übersetzung der hebräischen Bibel von Martin Buber & Franz Rosenzweig „Die Schrift“, die in einer sehr wuchtigen Sprache, mit zum Teil ungewöhnlichen Wortschöpfungen versucht, den Sprachduktus der hebräischen Bibel ins Deutsche zu bringen.
Prof. Andreas Bochmann, Ph.D.
Emeritierter Professor für Beratung & Seelsorge an der Theologischen Hochschule Friedensau

Fotos zu diesem Beitrag: ThHF | Adrien Mugisha