Prof. Dr. Dr. Siegbert Uhlig (geb. 1939)
08. Juli. 2026 / Wissenschaft & Forschung
Erfolgreiche Friedensauer Akademiker und Forscherpersönlichkeiten
Siegbert Uhlig ist Friedensauern und Adventisten in Mittel- und Norddeutschland noch gut bekannt – als Absolvent des Predigerseminars und als adventistischer Pastor in Mecklenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt. 1990, als das Predigerseminar Friedensau die staatliche Anerkennung als Theologische Hochschule in privater Trägerschaft erlangte, stellte er sich als Universitätsprofessor zur Verfügung, lehrte als Gastdozent und trug dazu bei, das akademische Profil der jungen Hochschule zu stärken. Doch bis zum Universitätsprofessor und Experten der Äthiopienforschung war es ein steiniger Weg.
Frühe Jahre
Die Eltern von Siegbert Uhlig, Wilhelm und Johanna (geb. Gießler), waren engagierte Adventisten, die in Friedensau ihre Ausbildung erhalten hatten. Aus Sachsen stammend, wurde der Vater als junger Pastor nach Ostpreußen gerufen. Dort wurde Siegbert 1939 in Königsberg, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wie auch sein jüngerer Bruder Horst (1941), geboren. Nachdem die Front näher rückte, kam die junge Familie über verschiedene Evakuierungsorte ins großelterliche Haus nach Wickershain (Sachsen). Der Vater kehrte aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wurde als Abteilungsleiter der Vereinigung nach Dresden gerufen. 1954 schloss sich Siegbert durch die Taufe auf dem »Sonnenhof« bei Dresden der Adventgemeinde an. Er erlernte zunächst einen Handwerksberuf, denn die höhere Schulbildung wurde ihm durch die Behörden verweigert, weil sein Vater Pastor war. Dessen Vorbild folgend, trat Uhlig 1957 in das Predigerseminar in Friedensau ein und schloss sein Studium 1961 ab. 1962 heiratete er Waltraud Lippert, die er in der Hallenser Adventjugend kennengelernt hatte und die ihn über Jahrzehnte in seiner wissenschaftlichen Arbeit unterstützte und seine Veröffentlichungen in druckfähige Form brachte. Zwei Söhne wurden dem Ehepaar geboren: Hilmar (1963) und Sven (1966), die wie der Vater eine akademische Laufbahn absolvierten.
1961 begannen prägende Jahre als Pastor der Adventgemeinde in Rostock, Schwerin, Greifswald, Berlin (Ost) und Magdeburg. Aber der Drang zu forschen blieb. Neben seiner pastoralen Tätigkeit studierte Siegbert Uhlig Evangelische Theologie und erwarb 1969 den Doktorgrad (Dr. theol.) an der Universität Rostock.
Von Ost nach West: Neue Bildungswege und Perspektiven
Als sich die Chance der Habilitation im Fach Neues Testament an der Universität in Halle/Saale bot, nutzte er die Genehmigung der Behörden für einen mehrwöchigen Forschungsaufenthalt an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Zürich für seine wissenschaftliche Recherche und um wichtige Kontakte zu den Schweizer Universitäten zu knüpfen. Professor Markus Barth aus Basel, Sohn des bedeutenden Schweizer Theologen Karl Barth, war an seinem Habilitationsthema über die alttestamentlichen Bezüge in der Offenbarung des Johannes interessiert und erteilte Uhlig pro forma einen Ruf an die Universität Basel. Diese Einladung erleichterte die Ausreise aus der DDR deutlich, war aber nicht mit Arbeit und Einkommen verbunden. Uhligs Antrag auf Ausreise im Jahr 1976 schlug hohe Wellen. Die Freikirchenleitung schloss eine Wiederanstellung Uhligs im Westen kategorisch aus; niemand aus dem Kreis der Pastoren sollte zur „Ausreise“ aus der DDR ermutigt werden. 1977 verließ Siegbert Uhlig mit seiner Familie die DDR in eine Zukunft ohne planbare Perspektive. Aber eine neue Welt öffnete sich ihm in der Wissenschaft.
Akademische Herausforderungen und Erfolge
Die nun folgenden Studien und Forschungen folgten stärker den Schwerpunkten in der Orientalistik. Das vorläufige Habilitationsthema setzte sich mit der Frage der Beziehungen des Gerichtstextes in Offenbarung 20, mit strukturell ähnlichen Texten der jüdischen Apokalyptik, wie wir sie im Syrischen Baruch, im 4. Esrabuch und im Äthiopischen Henoch finden. Da Uhlig die unabdingbaren Kenntnisse des Altäthiopischen fehlten, musste er diese Sprache zunächst bei Professor Ernst Hammerschmidt an der Universität Hamburg erlernen. Hammerschmidt war den Adventisten durch seine Studie über die „Stellung und Bedeutung des Sabbats in Äthiopien“ (1963) bekannt. Uhlig begann sich nun in die Äthiopistik zu vertiefen. Eine neue berufliche Perspektive eröffnete sich, aber es waren noch harte Jahre des Studiums zu bewältigen, in denen die Familie zeitweilig mit einem bescheidenen Stipendium auskommen musste. 1980 promovierte Uhlig ein zweites Mal, nun im Fach Semitistik (mit Schwerpunkt Äthiopistik), mit einer Dissertation über „Hiob Ludolfs Theologia Aethiopica“. Der Erfurter Universalgelehrte Ludolf (1624–1704) gilt als Begründer der Äthiopienstudien. Uhlig gab das ursprüngliche Habilitationsthema (Offb 20 im Spiegel der jüdischen Apokalyptik) auf und widmete sich nun vollends dem neuen Fach Äthiopistik. 1985 habilitierte er sich mit einer Arbeit zur äthiopischen Paläographie (Untersuchungen zum Alter altäthiopischer Handschriften). Forschungsprojekte, Forschungsreisen und Veröffentlichungen bestimmten die nächsten Jahre. 1990 wurde Uhlig als Nachfolger von Professor Hammerschmidt auf den Lehrstuhl für Afrikanische Sprachen und Kultur an die Universität Hamburg berufen. Als krönendes Lebenswerk gilt die wissenschaftliche Leitung und Veröffentlichung der internationalen Encyclopaedia Aethiopica, woran Uhlig nahezu 20 Jahre mit rund 600 Autorinnen und Autoren aus etwa 40 Ländern gearbeitet hat: Fünf Bände mit über 4.300 Artikeln entstanden. Uhlig hat mit dieser wissenschaftlichen Enzyklopädie der Äthiopienforschung ein klar definiertes Profil gegeben und sich in der akademischen Welt bleibende Verdienste erworben.
Der Kreis schließt sich
Damit schließt sich der Kreis eines Forscherlebens – vom Pastor der Freikirche zum Professor, vom Theologen zum Äthiopienspezialisten. Und wo liegen die Wurzeln für Uhligs Interesse an der Kultur Afrikas? Was als zufällige „Forscherlust“ scheint, beginnt in der Kindheit. Der alte Friedensauer Ostafrika-Missionar Robert Lusky (1878–1961), mit seinem Tropenhelm ein Original, berichtete in den Dresdner Adventgemeinden von seinen Erlebnissen, und der jugendliche Siegbert folgte gebannt seinen Erzählungen. Siegbert Uhlig hat die Äthiopienforschung neu ausgerichtet und dabei auch in die Breite gewirkt. Er gründete 2002 die Forschungsstelle Äthiopistik an der Universität Hamburg, heute das Hiob-Ludolf-Zentrum für Äthiopistik. Zu seinem 60. Geburtstag richtete er die Deutsch-äthiopische-Stiftung ein, die vor allem junge äthiopische Akademiker fördert. Uhlig erhielt verschiedene akademische Auszeichnungen, darunter eine von der British Academy. Bis heute predigt Siegbert Uhlig im adventistischen Gottesdienst, gern auf Basis alttestamentlicher Texte, bereichert sie mit seiner Kenntnis von Orient und Afrika und fragt nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Das Wort Gottes war und ist der Anker seines Lebens.
Literatur: Verena Böll u. a., Studia Aethiopica. In Honour of Siegbert Uhlig On the Occasion of His 65th Birthday, Wiesbaden 2004 (Festschrift).
Daniel Heinz, Ph.D.
