Entscheidungen, die unser Leben prägen

18. Jul. 2019 / Wissenschaft & Forschung

Als ich meine theologische Ausbildung am Theologischen Seminar Marienhöhe in Darmstadt begann, hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was es bedeutet, Theologie zu studieren. Die akademische Ausbildung und ein Abschluss waren eine unliebsame Pflicht, um am Ende Pastor werden zu können. Eine Berufung für diesen Weg hatte ich erfahren, aber das theoretische, das abstrakte Lernen, um dieses Ziel zu erreichen, hatte ich unterschätzt. Als meine Frau und ich nach der Hälfte des Studiums für ein Jahr nach England gingen, um Englisch zu lernen, nutzten wir wiederholt die Gelegenheit, das Britische Museum zu besuchen. Die Konfrontation mit unzähligen Artefakten des Alten Orients, den Ländern und der Zeit des Alten und Neuen Testaments, öffnete mir ein völlig neues Fenster in die biblische Welt. Ich entdeckte plötzlich, dass der biblische Text aus einer realen Welt kommt; es war nicht die Welt, die ich mir aufgrund meiner Kinder-Bibel erdacht und erträumt hatte.

Als ich nach diesem Aufenthalt in England auf die Marienhöhe zurückkehrte, um meine theologische Ausbildung fortzusetzen, nahm ich sofort mit Prof. Udo Worschech, der zu dieser Zeit als Alttestamentler am Theologischen Seminar lehrte, Kontakt auf. Ich hatte erfahren, dass Udo Worschech (er studierte bei Prof. Siegfried Horn an der Andrews-Universität und nahm an dessen Ausgrabungen auf dem Tell Heshbon in Jordanien teil) gerade ein eigenes archäologisches Projekt in Jordanien in Angriff nahm. Er erklärte sich bereit, mich mitzunehmen. Die Möglichkeit, an einer „richtigen“ Grabung teilzunehmen (nicht nur davon zu lesen), sollte mein Leben verändern. So reiste ich im Sommer 1987 zum ersten Mal nach Zentral-Jordanien, zur Ruinenstätte Balua, eine der bedeutendsten Ortslagen der antiken Moabitis, östlich des Toten Meeres gelegen.

Balua ist die größte eisenzeitliche (Eisenzeit: 1200―586 v. Chr.) Ruinenstätte im antiken Moab. Darüber hinaus können mehrere tausend Jahre Besiedlung nachgewiesen werden: von der Frühen Bronzezeit (ca. 3300 v. Chr.) bis in die Mittel-Islamische Epoche (ca. 1500 n. Chr.). Die Anlage ist übersät mit Ruinenresten, Mauern, Räumen, Gebäudekomplexen, Stadtmauern und anderes. Durch seine strategisch bedeutsame Lage bewachte diese Stadtanlage den nördlichen Zugang auf das zentral-moabitische Plateau. Schon von Weitem wird das Auge des Betrachters auf die typische Silhouette der Palastburg gelenkt, die wohl aus der Spät-Bronzezeit stammt (1550–1200 v. Chr. – die Zeit des Exodus und der Landnahme). Dieser massive Bau – aus zyklopenhaften Steinen zusammengefügt – bildet das Zentrum der älteren Stadtanlage auf dem westlichen Teil des Geländes. Dieser ältere Teil der Stadt wurde von einer Kasematten-Mauer umschlossen, mehrere Tore ermöglichten den Zugang ins Innere der Stadt. In einer Expansionsphase wurde die Stadtanlage nach Osten hin erweitert und ― ebenso wie der ältere Stadtteil – mit einer imposanten Kasematten-Mauer umgeben. Die Gesamtfläche der Stadt umfasste zu diesem Zeitpunkt ca. 15 Hektar. Innerhalb der Stadtmauern sind ganze Straßenzüge, Haus-Komplexe, Installationen und Plätze zu erkennen.

Aufmerksam wurden die Forscher auf Balua, als dort 1930 die Balua-Stele entdeckt wurde. Ein gewisser Mr. Head, Mitarbeiter des Trans-Jordan Antiquites Departments (dem Vorläufer der heutigen Antiken-Verwaltung), hatte die Stele bei einem Besuch der verlassenen Stadtanlage in den Mauerresten der zentralen Palastburg entdeckt. Die ca. 170 cm hohe und 70 cm breite Stele, mit einem unregelmäßig geformten konischen oberen Abschluss, zeigt im oberen Drittel eine vierzeilige Inschrift. Leider erlaubt der verwitterte Zustand der Inschrift keine Interpretation. Die zwei verbleibenden Drittel werden durch ein Flachrelief ausgefüllt, das drei Personen darstellt und an sogenannte „Einführungsszenen“ erinnert: Eine niedere Gottheit führt einen Herrscher einer höher gestellten Gottheit zu. Die Herrscherfigur in der Mitte der Szene weist Parallelen zu Darstellungen ägyptischer „shasu“-Krieger aus der neunzehnten Dynastie auf. Die Stele belegt den ägyptischen Einfluss auf das Ostjordanland zum Ende der Spät-Bronzezeit bzw. zum Beginn der Eisenzeit (ca. 1300–1150 v. Chr.), in die die Stele datiert wird.

Die Stadtanlage von Balua (ein arabischer Name, der mit „Schlund“ übersetzt werden kann; eine passende Bezeichnung im Blick auf das tief einschneidende Wadi, das die Stadtanlage an der nördlichen und westlichen Seite umgibt) kann mit der Stadt Ar bzw. Ar-Moab identifiziert werden. In Numeri 21,14c und 15 wird über die geografische Lage von Ar Folgendes gesagt: „… die Bäche am Arnon und den Abhang der Bäche, der sich hinzieht zur Stadt Ar und sich lehnt an die Grenze Moabs.“ Diese Angaben passen genau auf die Lage von Balua am Nordrand des zentral-moabitischen Plateaus am Wadi Mujeb, dem biblischen Arnon. Diese moabitische Stadt wird weiter in Numeri 22,36 und Jesaja 15,1 erwähnt.

Während Alt-Historiker und Archäologen das Ruinenfeld von Balua seit Langem kannten, lernte ich die Anlage während meiner ersten archäologischen Grabung im Jahre 1987 kennen. Seitdem bin ich die letzten 32 Jahre für Forschungen immer wieder zu diesem Ort zurückgekehrt. Er hat mein berufliches und persönliches Leben zutiefst geprägt und bestimmt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Morgen in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, als ich durch den Ruf des Muezzins, der die Gläubigen morgens gegen 4:30 Uhr zum Gebet rief, aus dem Schlaf gerissen wurde. Wir verließen die moderne Hauptstadt in Richtung Süden: Unser Ziel war ein kleines christliches Dorf an der Grenze des Kulturlandes zur Wüste. Dieses Dorf wurde unser Heim für die nächsten sechs Wochen und die nächsten 25 Jahre. Von hier waren es nur ein paar Kilometer zu unserer Ausgrabungsstätte.

Unser Grabungsprojekt bot die Möglichkeit für Mitglieder der Dorfgemeinschaft, bei uns als Grabungshelfer ein paar Dinare zu verdienen. Dadurch entstanden persönliche Beziehungen und Freundschaften, die die Jahre überdauert haben. Einer meiner „Helfer“ im ersten Jahr hieß Satar. Satar war damals 12 Jahre alt und der Neffe des Repräsentanten der Altertümerverwaltung, der jeder Grabung zugeteilt wird. Im Laufe der Wochen wurden wir Freunde. Als ich im nächsten Jahr zurückkam, bestand Satar darauf, bei mir arbeiten zu dürfen. Unsere Freundschaft vertiefte sich im Laufe der Jahre. Ich konnte bei ihm eine wachsende Liebe und ein tiefer werdendes Verständnis für unsere archäologische Forschungsarbeit feststellen. Nach seiner Schulzeit entschied sich Satar, Archäologie zu studieren. Schließlich wurde auch er Repräsentant der Altertümerverwaltung und Direktor eines der Museen in Jordanien. Ein paar Mal konnte er noch an unserem Projekt mit dienstlichem Auftrag teilnehmen und kehrte so zu der Grabungsstätte zurück, die den Ausgangspunkt für seinen eigenen Beruf bildete. Seither ist er für uns zu einem wertvollen Partner unseres Grabungsprojekts geworden und ein Beispiel dafür, wie wertvoll die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung für die Bewahrung des kulturellen Erbes eines Landes ist. Nur so kann ein Bewusstsein geschaffen werden, dass Kulturerbe etwas ist, das man wertschätzen muss und das es gilt zu bewahren, anstatt es durch Zerstörung und Raub zu vernichten.

Seit einigen Jahren bieten wir auch lokalen Archäologen Gelegenheit, durch eine Mitarbeit an unserem Projekt Erfahrungen zu sammeln und weitere Kenntnisse zu erwerben. Eine ganze Reihe dieser Archäologen haben ihre Ausbildung im Ausland fortgesetzt und sind zurückgekehrt, um sich für die Erhaltung ihres Kulturerbes, die weitere Erforschung und die Ausbildung in ihrem Land einzusetzen.

Wenn ich diese Entwicklung betrachte und dann zu den Anfängen zurückkehre, als ich meine erste antike Keramikscherbe aufsammelte, dann staune ich über die Entscheidungen, die unser Leben prägen und verändern.

Friedbert Ninow

Dieser Beitrag ist Prof. Udo Worschech und seiner Frau Ursula gewidmet, die durch ihre Entscheidung, mich mitzunehmen, mein Leben nachhaltig verändert haben und mir so die Möglichkeit gaben, die „reale“ alt-orientalisch-biblische Welt in mich aufzunehmen.

Abbildung 1: Antike Stadtanlage Balua (Bildrechte Foto 1 und 2: Friedbert Ninow)

Abbildung 2: Palastburg von Balua

Abbildung 3: Satar (Mitte) mit Wernfried Rieckmann (links) und Friedbert Ninow (rechts) – (Foto: privat)