Nur Ü-Eier schaffen Wissen

15. Mai. 2019 / Wissenschaft & Forschung

Vor einigen Jahren schrieb der US-amerikanische Soziologe Glenn Firebaugh ein Buch über Forschungsmethoden. Es trägt den Titel „Seven Rules for Social Research“ und ist erfrischend anders konzipiert als gewöhnliche Lehrbücher in diesem Bereich. Der erste Satz im ersten Kapitel lautet „Social research differs fundamentally from advocacy research“ (Sozialforschung ist etwas grundlegend anderes als Lobbyforschung).

Als ich im vergangenen Jahr auf einer Tagung an der Universität Gießen einen Vortrag zum internationalen Stand der Home-Education-Forschung hielt, war dies ein passender Anlass, um genau diesen Satz zu zitieren. Es gibt in diesem Feld sehr viel Lobbyforschung: Institute, Verbände oder Einzelpersonen, deren Ziel es ist, zu belegen, dass Homeschooling besser sei als die öffentliche Schule. Die wenig aufregende Wahrheit lautet: Es gibt keine methodisch saubere Studie, die einen derartigen Schluss zulassen würde. Darüber hinaus ist die Frage viel zu komplex, als dass man so einen schlichten Vergleich sinnvoll anstellen könnte (Man muss fairerweise dazusagen, dass es auch keine guten Belege für die Annahme gibt, Homeschooling würde Kinder per se benachteiligen). Aber ambitionierte Menschen mit einer Mission lassen sich davon bekanntlich nicht aufhalten.

Glenn Firebaugh versteht unter Lobbyforschung all jene Forschung, die nach guten Gründen für eine schon vorgefasste Meinung sucht. Sicher ist nichts falsch daran, Gründe für das zu suchen, was man für richtig hält. In der Theologie gibt es unter dem Begriff Apologetik eine lange Tradition dieser Suche nach guten Gründen für das, was man glaubt. Nur wird man halt auf diese Weise kaum etwas Neues herausfinden, und die Darstellungen sind tendenziell einseitig. Denn das, was nicht ins erwünschte Bild passt, wird natürlich in den Hintergrund gerückt.

Forschung dagegen ist ergebnisoffen. Sie sucht Antworten auf eine Frage, wohingegen Lobbyforschung Gründe für eine Position sucht.

Es ist meist nicht leicht, auf den ersten Blick Lobbyforschung von „echter“ Forschung zu unterscheiden. Autoindustrie, Pharmakonzerne oder Zuckerindustrie sind nur ein paar Beispiele für Akteure, die gezielt unter dem Deckmantel der Forschung Positionen in den Umlauf bringen, die ihren eigenen Interessen dienen. Die Zuckerindustrie zum Beispiel nutzt diverse Vereinigungen und Plattformen, um den Forschungsstand so darzustellen, dass Zucker möglichst harmlos erscheint (z. B. Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten oder www.schmecktrichtig.de). Die Grundbotschaft lautet: Wenn man gut Zähne putzt und sich viel bewegt, kann man auch viel Zucker essen, ohne sich vor Karies oder Übergewicht fürchten zu müssen. Das ist sicher im Kern richtig. Aber ebenso richtig ist, dass zu viele unserer industriell erzeugten Lebensmittel zu viel unnötigen Zucker zugesetzt bekommen.

Die erste Regel von Glenn Firebaugh für die Sozialforschung lautet: Es muss die Möglichkeit der Überraschung geben. Nur ergebnisoffene Forschung ist tatsächlich Forschung. Wer methodisch sauber forscht, muss offen sein für Überraschungen. Etwas herauszufinden, das vorher so nicht bekannt war, ist das eigentlich Spannende am Forschen. Oder anders gesagt: ohne Ü-Ei keine Wissenschaft.

© Prof. Dr. Thomas Spiegler, ThHF