Widerstand oder Ergebung? Gedanken zur Friedensethik in Kriegszeiten

23. Sep. 2022 / Wissenschaft & Forschung

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). – „Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52). – „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Mt 5,39). – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1).

Gewalt erzeugt Spaltung. Nicht nur unter denen, die unmittelbar betroffen sind – auch bei uns, die wir seit Ende Februar einen Krieg in allzu nächster Nähe miterleben. Viele dachten – ich gehöre auch zu ihnen –, dass so etwas in Europa zu unseren Lebzeiten nicht mehr geschehen könne.

Was ist angesichts dieser Katastrophe zu tun? Entstehen nun neue Pflichten für uns als Gesellschaft, als Nation? Müssen – können – dürfen wir ganz anders handeln als in Friedenszeiten? Neben Sanktionen und der wie selbstverständlich angelaufenen praktischen Fürsorge für Geflüchtete dominiert längst eine Diskussion darüber, ob und in welchem Ausmaß die Bundesrepublik Deutschland Waffen liefern soll, um sowohl die Menschen in der Ukraine als auch die demokratischen Werte zu verteidigen. Mancher wundert sich, wie ehemals pazifistische Politiker und Zeitgenossen oder christliche Brüder und Schwestern sich inzwischen für den Einsatz schweren Kriegsgeräts starkmachen.

Auch in diese Lage hinein spricht das Wort Gottes zu uns. Allerdings: Es gibt uns keine konkrete Anweisung für Staatsführung, Diplomatie und Kriegstaktik. Das Evangelium spricht grundsätzlicher und zielt auf die Motive der Gläubigen. Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt – und gerade deswegen nimmt Gott uns die Entscheidungen des Lebens in dieser durcheinandergeschüttelten Welt oft nicht ab. Die Prinzipien des Evangeliums als größere Gemeinschaft einhellig umzusetzen, stößt oft an die Grenzen des Machbaren. Als kleine Freikirche sind wir ohnehin nicht das Zünglein an der Waage, wenn es beispielsweise um militärische oder sicherheitspolitische Fragen geht. Insofern geraten entsprechende Diskussionen allzu leicht in ein Fahrwasser emotionalen Rechthabens, ohne dass wir echte Verantwortung übernehmen beziehungsweise übernehmen müssen.

Wir werden mit mehr als einem Dilemma leben müssen: Keiner kann momentan vorhersagen, welche Initiative langfristig zu Frieden führt und Menschenleben rettet. Was heißt es, Friedensstifter in einer solchen Lage zu sein? – Kaum jemand hat Freude daran, das Schwert zu nehmen. Hier kämpfen Völker, die sich lange als Brüder betrachteten. – Niemand kann verlässlich sagen, was ein Darreichen der linken Backe für ein ganzes Volk bedeuten würde. – Was auch immer ein Staat jetzt tut: Es ist ein Abwägen zwischen einem großen Übel und einem noch größeren. Wer will da urteilen, wer richten?

In dieser Situation der Entscheidung zwischen „Pest und Cholera“ gibt es unterschiedliche Forderungen nach militärischer Unterstützung für die Ukraine. Angesichts des unermesslichen Leids, das Deutschland im Zweiten Weltkrieg über die Welt gebracht hat, ist ein intensives Mitwirken an Kriegshandlungen weiterhin mit der Hypothek der Vergangenheit belastet. Die Devise „Nie wieder Krieg“ steht hier in nicht aufzulösender Spannung zum Vorwurf unterlassener Hilfeleistung.

Eine gewisse Parallele findet sich übrigens in der frühen Adventgeschichte. Im amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865), der ausbrach, als die Siebenten-Tags-Adventisten sich gerade erst einen Namen gegeben hatten, ging die Debatte anfangs hoch her. Die Positionen reichten von einem Totalpazifismus bis hin zu James Whites zunächst eingeworfenem Argument, die Verantwortung für das Brechen des Tötungsverbots nehme dem Einzelnen in solch einem Fall der Staat ab. Erst als Ellen White sich äußerte, glätteten sich die Wogen. Sie argumentierte klar gegen Militärdienst jeder Art: „Mir wurde gezeigt, dass Gottes Volk … sich nicht auf diesen verwirrenden Krieg einlassen kann, denn er widerspricht jedem Grundsatz seines Glaubens“ (Testimonies for the Church 1, S. 361). Damit war der Nichtkämpferstatus geboren. Bis heute entspricht es adventistisch-christlicher Überzeugung am meisten, sich von allem Militärischen fernzuhalten, Kriegshandlungen aller Art mit Skepsis zu bewerten und anderen ans Herz zu legen, dasselbe zu tun – ohne sie für ihr Handeln zu verurteilen. Denn auch das trifft in diesen schweren Zeiten zu: Gott kennt die Herzen aller – derer, die kämpfen, derer, die sich zurückhalten, und derer, die schwanken.

Stefan Höschele | Professor für Systematische Theologie und Adventismus-Studien | Theologische Hochschule Friedensau

Erschienen in: Miteinander. Zeitschrift der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, Berlin-Mitteldeutsche Vereinigung, Ausgabe 3. Quartal 2022, S. 2.

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Der Autor des Blog-Beitrages: Prof. Stefan Höschele